Über das Gewicht

Das Gewicht ist in unserer modernen Gesellschaft nicht weit davon entfernt, ein regelrechter Fetisch zu werden. „Gewicht als Selbstzweck“ könnte insofern auch die Überschrift dieses Artikels lauten, denn er dreht sich um die Frage, was ein „normales“ Gewicht eigentlich genau sein soll und was unser derzeitiger Umgang mit unserem Körpergewicht über unsere Einstel-lung zu uns selbst und unserem Leben aussagt.
„Wie viel wiegst Du?“ ist eine Frage, die sich lange Zeit nur Profisportler gestellt haben; heute verwundert sie niemanden mehr, wenn sie etwa im Rahmen privater Veranstaltungen oder im freizeitsportlichen Bereich gestellt und diskutiert wird; auf sogenannten „Singlebörsen“ gehört die Gewichtsangabe als wichtige Kennzahl zu den absoluten Kernelementen des persönlichen Portfolios. Warum sind wir aber derart von dieser Zahl fasziniert? Warum ist sie uns so wichtig geworden?

Was als „normales“ Gewicht gilt, ist auch kulturell geprägt

Es gibt Gegenden in der Welt, in denen Menschen leben, die sich womöglich noch nie in ihrem Leben gewogen haben; was „Gewicht“ oder was eine „Personenwaage“ ist, das wissen sie vielleicht noch nicht einmal, und es spielt für die Bewältigung ihres Alltags auch überhaupt keine Rolle – zumindest, so lange es im normalen Rahmen bleibt. Was aber ist ein „normaler“ Rahmen?
Mit einer Personenwaage lässt sich das Körpergewicht schnell feststellen.Hier muss man differenzieren: Da ist einerseits die genetische Komponente. Unser „Normalgewicht“ ist zunächst einmal genetisch programmiert. Unsere Knochendichte, der Stoffwechsel etc., all dies sind Parameter, an denen wir nichts ändern könnten, auch wenn wir es wollten. Würden wir sozusagen nur dann essen, wenn wir tatsächlich Hunger haben und nur so viel, dass unser Energiebedarf gedeckt ist, würden wir ein Gewicht erreichen, welches wir als unser Normalgewicht bezeichnen könnten. So kann es nämlich auch sein, dass zwei etwa von der Körpergröße her völlig identische Menschen gänzlich unterschiedliche Gewichte aufweisen können, während dabei weder der eine noch der andere in irgendeiner Weise übergewichtig aussieht.

Andererseits wissen wir, dass das, was in einer Kultur unter „Normalgewicht“ verstanden wird, zugleich eben auch kulturell geprägt ist und insofern auch anders sein könnte. Heute gibt es den BMI (Body Mass Index), es gibt die Low-Carb-Diät und es gibt Fitnesstracker, die einem immerzu sagen, welche Werte man noch optimieren kann. „Normal“ ist heute ein Gewicht, dass unsere Leistungsfähigkeit objektiviert: Das heißt, es muss ein möglichst niedriges sein; kein Gramm Fett zu viel, aber auch nicht zu wenig; definierte Muskelpartien, sichtbares Sixpack. Die absolutistischen Herrscher mochten dagegen eher das Gegenteil: so viel Masse wie möglich; exzessive körperliche Passivität bei gleichzeitig exzessivem Fressverhalten. Schlanksein galt als Zeichen für Armut und Unfähigkeit; Dicksein dagegen als Zeichen von Erfolg, Auserwähltsein und Wohlstand. Ein normales Gewicht war ein möglichst hohes Gewicht. Und in gewisser Weise waren sie deshalb nicht weniger auf das Gewicht fixiert als wir heute.

Fixierung auf Zahlen problematisch

Das Problem ist heute nicht, dass wir alle schlank und leistungsfähig sein wollen, denn zu einem gewissen Grad ist dies alles ja auch erwiesenermaßen gesund und trägt zu einem qualitativ besseren Leben bei. Das Problem ist viel eher, dass wir uns nur allzu häufig und allzu schnell auf Zahlen fixieren, wie etwa das „optimale“ Gewicht, das wir rechnerisch ermitteln oder einen bestimmten Körperfettanteil, den uns irgendeine Zeitschrift als optimal präsentiert; wir klammern uns an solche Richtwerte und machen unser Selbstwertgefühl und unsere Launen davon abhängig, inwieweit wir sie erreichen. Insofern können wir nur enttäuscht werden, denn was heute als erstrebenswerter Wert gilt, kann schon morgen ganz anders definiert sein.
Läge es stattdessen also nicht viel näher zu fragen, ob man sich überhaupt wohlfühlt, so wie man ist? Wofür möchte man eigentlich abnehmen? Und wofür möchte man die ganzen Muskelpakete haben? Wozu der ganze Diätenwahn? Wer definiert, was erstrebenswert sein soll?
Klar, letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er sich diese Fragen stellt und wie er sie beantwortet. Aber eines sei hier zum Abschluss einfach mal in den Raum gestellt: Was hat wohl mehr mit Freisein zu tun: Das Fixiert-Sein auf eine Zahl, die uns falsche Sicherheiten verspricht und uns vom Leben ablenkt oder das Einlassen auf die Überraschungen des Lebens, die man nur dann wahrnehmen kann, wenn man sich der grundsätzlichen Offenheit von Zukunft stellt, sie erträgt und akzeptiert, dass es keine endgültigen Sicherheiten gibt?

Bild: pixabay.com

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