Haarausfall bei Chemotherapie – Perücke oder Mütze?

Weil es bei einer Chemotherapie häufig zu Haarausfall kommt, sind die meisten Frauen nach einer Krebsdiagnose verzweifelt. Ohne Wimpern, Augenbrauen und Haarpracht fühlen sich viele ihrer Identität und Schönheit beraubt, ja geradezu stigmatisiert. Jeder kann erkennen, was mit ihnen los ist. Die Chemo lässt bei vielen Krebspatientinnen die Kopfhaare komplett ausfallen. Jeder sieht kahl gewordenen Frauen an, dass sie Krebspatientinnen sind.

Um den kahlen Kopf zu verbergen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, die Betroffenen tragen eine Perücke – oder sie hüllen den Kopf in ein Kopftuch, einen Turban oder eine Mütze. Problematisch ist allerdings, dass die aufgemalten Augenbrauen einen Hinweis auf den Haarausfall geben. Viele Frauen finden einen Trost darin, offensiv mit ihrer Krebserkrankung umzugehen. Sie tauschen Schönheitstipps aus, wagen eine Typveränderung mittels einer Perücke oder betreiben selbstbewusst einen Blog im Internet. In den USA ist „self-empowerment“ eine beliebte Strategie, mit solchen Herausforderungen umzugehen. Sich selbst zu ermächtigen, diese Krankheit samt dem möglichen Haarausfall mit Bravour zu meisten, kann tatsächlich die Psyche stärken.

Warum kommt es bei einer Krebserkrankung zu Haarausfall?

Haarausfall durch eine Chemotherapie ist die häufigste Art des kompletten Haarverlustes. Der Grund für den Haarausfall sind die zur Behandlung eingesetzten Zytostatika. Diese wirken besonders aggressiv auf Körperzellen, die sich schnell teilen und vermehren – wie die Krebszellen. Dadurch schädigen Krebsmedikamente insbesondere die Haut- und Haarwurzelzellen, die Schleimhäute und die Blutkörperchen. Hauptsächlich vom Haarausfall betroffen sind die Kopfhaare. Ihr tägliches Wachstum beträgt üblicherweise ein Drittel Millimeter. Vom gesamten Haarschopf sind fast 90 Prozent der Haarzellen in ständiger Teilung begriffen. Das macht die Haare besonders anfällig, von den Wirkungen der Zytostatika betroffen zu sein.

Etwas anders wirkt die Chemo auf die Körperbehaarung, die Wimpern und Augenbrauen. Da sich bei diesen nur 10- 20 Prozent der Haarwurzelzellen in Teilung befinden, fallen diese Haare weniger leicht aus. Im Übrigen sind entgegen aller Befürchtungen auch nicht alle Patienten bei einer Chemotherapie vom kompletten Haarausfall betroffen. Der Haarausfall ist abhängig von der Veranlagung sowie der Art und der Dosierung der verabreichten Zytostatika. Ein zunehmender oder kompletter Haarausfall geschieht bei bestimmten Krebsmedikamenten nach etwa zwei bis maximal vier Wochen. Je niedriger die Chemo-Medikamente dosiert werden, desto länger dauert es, bis alle Haare in Büscheln ausgefallen sind. Es kann auch zu einem teilweisen Haarverlust auf dem Kopf kommen. Erkennbar ist dieser für andere erst, wenn mehr als die Hälfte der Haare ausgefallen sind.

Nach der Behandlung wachsen die Haare meist wieder nach

Sobald die aggressiven Krebsmedikamente vollständig vom Körper ausgeschieden wurden – was gleich nach der letzten Chemo der Fall ist – können die Haare wieder nachwachsen. Der erste Flaum eigener Haare wirkt wie ein Hoffnungsschimmer. Gut aussehen wird der vereinzelt nachwachsende Flaum allerdings nicht. Nach drei Monaten können die Betroffenen jedoch ohne Perücke auskommen. Viele Betroffene zeigen sich dann mit einem Kurzhaarschnitt.

Durch die geringere Teilungsrate der Zellen benötigen Körperhaare etwas länger, bis sie nachgewachsen sind. Es kann sein, dass die nachgewachsenen Haare anders aussehen als zuvor, zum Beispiel spröder oder grauer. Das gibt sich aber in den meisten Fällen durch eine gute Haarpflege. Nur wenige Krebspatienten erleben, dass ihre Haare durch Zytostatika dauerhaft geschädigt werden. Dennoch kann es bei einigen Patienten zu einem dauerhaften Haarverlust kommen. Diese Möglichkeit ist vor allem nach Hochdosis-Chemotherapien gegen Leukämie gegeben. Hochdosis-Chemotherapien dienen häufig der Vorbereitung auf eine Stammzelltransplantation. Viele Krebs-Patientinnen versuchen mit einer Kühlkappe, die sie während der Chemotherapie-Sitzungen tragen, den Haarausfall zu minimieren oder ganz zu verhindern. Dazu später mehr. Zunächst soll es um die Frage gehen, ob eine Mütze oder eine Perücke zum Kaschieren des kahlen Kopfes die bessere Wahl sind.

Perückenverordnung noch vor der eigentlichen Behandlung?

Manche Krebsbetroffenen scheren sich mutig den Kopf, bevor die Krebstherapie zum vollständigen Verlust der Haare führt. Andere Patientinnen haben mehr Angst vor dem Verlust der Kopfhaare als vor möglichen Nebenwirkungen der Therapie selbst. Einige Krebspatienten tragen Turbane oder Mützen, weil sie ständig frösteln. Manche können sich eine Perücke als Haarersatz nicht vorstellen.

Mützen oder Turbane wärmen. Sie sind insofern ein angenehmer Schutz in den kühlen Monaten. Im Sommer fallen sie auch nicht unbedingt auf, da viele Menschen auch im Sommer den Kopf durch Sonnenhüte oder Baseballcaps schützen. Gegen diese Wahl ist also nichts zu sagen, solange die Betroffenen sich damit wohlfühlen. Es geht hier nicht darum, was die Öffentlichkeit dazu meint. Nur die Betroffenen selbst entscheiden, ob ihre Wahl angemessen oder richtig ist. Für eine Frau, sie sich nicht mit einer Perücke auf Rezept wohlfühlen würde, ist diese Wahl anscheinend nicht die richtige. Was die Gründe für diese Entscheidung sind, sollten die Betroffene allerdings wissen. Zumindest wäre eine fachkundige Beratung in Sachen Perücke sinnvoll, um eine vorurteilslose Entscheidung treffen zu können. Auch Schminktipps können einer krebskranken Frau seelisch wieder auf die Beine helfen. Die Mütze, der Turban oder die Perücke dienen zum einen dem Schutz des kahlen Kopfes vor Wärmeverlusten oder Sonnenbrand. Zum anderen dienen solche Hilfsmittel für Krebskranke aber dem Selbstwertgefühlt.

Falls die Wahl auf eine Perücke fällt, sollte diese nach Möglichkeit bereits beantragt und anprobiert werden, bevor die Chemo beginnt. Die Ärzte klären Betroffene meist über die zu erwartenden Folgen der Chemotherapie auf. Sie wissen, bei welchen Chemotherapien es zu Haarverlusten kommt und bei welchen eher nicht. Daher dürfen sich die Betroffenen schon vor dem Krankenhausaufenthalt eine Perücke vom behandelnden Arzt verordnen lassen. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen bei Krebskranken meist nur einen Zuschuss. Manche übernehmen die Kosten für eine Kunsthaarperücke auf Rezept komplett. Echthaarperücken müssen in der Regel selbst finanziert werden. Da die gesetzlichen und privaten Krankenkassen unterschiedliche Regelungen bezüglich des Perückenkaufs bei Krebspatienten haben, ist es klug, sich vorab über die selbst zu tragenden Kosten zu informieren.

Bei Männern, die im fortgeschrittenen Alter meist ohnehin an Haarausfall leiden, werden die Kosten bei Perückenverordnungen eher selten übernommen. Mehr Informationen zum Thema „Perücke auf Rezept“ finden Sie hier.

Mütze, Turban oder Perücke, das ist hier die Frage

Eines ist klar: Diese Frage muss jeder Krebsbetroffene für sich selbst beantworten. Immer mehr Frauen scheuen sich nicht davor, ihren kahlen Kopf in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viele Betroffene berichten offen auf einem Blog über ihre Erkrankung, um anderen Patienten Mut zu machen. Vielfach ist nicht zu übersehen, dass die Frauen sich damit auch selbst Mut machen. Sie teilen ihr Leid mit vielen und finden darin Trost. Auch prominente Krebspatienten gehen zunehmend offensiv mit ihrer Erkrankung um. Das gesellschaftliche Tabu, dass krebskranke Frauen auf keinen Fall zugeben dürfen, wie krank sie sind, konnte wenigstens teilweise aufgelöst werden. Krebskranke müssen sich nicht mehr aus der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen oder verstecken. Viele werden zu Botschaftern in eigener Sache.

Manche Betroffenen tragen während einer Chemotherapie nur zu offiziellen Anlässen oder bei der Arbeit eine Perücke. Im Freundes- oder Familienkreis nutzen viele Betroffene lieber eine Mütze, einen Turban oder ein Kopftuch. Junge Frauen lassen sich den kahlen Kopf manchmal tätowieren. Manche bemalen ihn kunstvoll mit Henna. Wichtig ist lediglich, dass der Haarausfall eine empfindlichere Kopfhaut nach sich zieht. Diese sollte gegen UV-Strahlen und Kälte geschützt werden. Außerdem sollte die Kopfhaut intensiver gepflegt werden, damit sie nicht austrocknet. Viele berufstätige Frauen, die im Rahmen ihrer Tätigkeit Kundenkontakte und Besprechungen mit anderen Abteilungen erleben, bevorzugen die weniger auffällige Lösung mit einer Perücke. Die Frage nach der Qualität der Perücke kann durchaus wichtig werden. Bei Menschen, deren Krankenkasse nur eine synthetische Perücke erstattet, stößt diese nicht immer auf Gegenliebe. Kunsthaarperücken sind allerdings pflegeleichter und weniger empfindlich. In der Optik und dem Tragekomfort finden die meisten krebskranken Frauen keinen bedeutenden Unterschied zwischen Kunsthaar- oder Echthaarperücken.

Wichtiger ist, die Perücke typgerecht zu wählen und sie sich anpassen zu lassen. Denn guter Sitz ist bei einer Perücke wichtig. Die meisten Betroffenen wissen nicht, dass die Perücke vom Friseur in Form geschnitten, gegebenenfalls gefärbt oder anders frisiert werden kann. Es empfiehlt sich außerdem, die echten Haare vor dem Beginn einer Chemo-Sequenz kürzer schneiden zu lassen, sodass sie dem Haarersatz ähnlicher sind. Dadurch wird auch das Nachwachsen der Haare nicht ganz so augenfällig. Das größte Manko ist, dass es keinen Ersatz für ausgefallene Wimpern und Augenbrauen gibt. Diese Nebenwirkung der Therapie entstellt die Betroffenen auf eine ganz eigene Weise. Hier kann sich eine Betroffene nur mit dem Augenbrauenstift und künstlichen Wimpern behelfen.

Können Betroffene dem drohenden Haarausfall vorbeugen?

Beim Krebsinformationsdienst kann jede Frau erkunden, wie der neuste Stand der Wissenschaft bei einer Krebstherapie ist. In Bezug auf eine Unterbindung des Haarverlustes wurden bisher leider nur wenige klinische Studien unternommen. Meist sind die Ergebnisse über Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen nicht aussagekräftig genug. Manche Krebspatienten haben mit einer Kühlkappe Erfolge erzielt. Bei anderen Patienten haben die Kühlhauben den Haarausfall nicht verhindern können. Außerdem kann eine Kühlhaube auch manch unangenehme Nebenwirkung entfalten, die viele Patienten nicht ertragen können. Wichtig ist auch die Information, dass die Patienten bisher alle bekannten Verfahren zur Verhinderung von Haarausfall selbst finanzieren müssen. Laut Krebsinformationsdienst informieren spezialisierte Kliniken oder Praxen aber gerne auf Anfrage, welche Methoden sie nutzen und wie effektiv sie sind.

Die Wirkungsweise der Kältehauben ist bisher noch am besten mit Daten belegt. Die Kühlkappe soll die Durchblutung der Kopfhaut während einer Chemo-Behandlung mindern. Das wiederum soll die Zytostatika daran hindern, die Kopfhaut zu attackieren. Um den Effekt der Kühlung noch zu steigern, werden manche Kühlkappen als Kompressionskappen angelegt. Das reduziert die Durchblutung der Kopfhaut noch weiter. Als unerwünschte Nebenwirkung der reduzierten Kopfhaut-Durchblutung kann es aber später zu Metastasenbildungen auf der Kopfhaut kommen. Der Grund: Hier wurden die eventuell mit dem Blutkreislauf zirkulierenden Krebszellen wegen der Kühlkappe nicht gleichermaßen stark attackiert und vernichtet. Daher gibt es keine offizielle Empfehlung für diese Methode. Solange keine Langzeituntersuchungen eindeutig positive Ergebnisse zeitigen, werden die Krankenkassen keine Kühlhauben mitfinanzieren.

In der Summe muss konstatiert werden, dass die Studien über Kühlkappen zu große Lücken haben. Sie sind daher nur bedingt von Nutzen, da sie eine zu kleine und spezialisierte Probandenzahl ins Visier nahmen. Häufig wurden Kühlhauben an Brustkrebs-Patientinnen getestet. Außerdem wurde die Kopfhaut in verschiedenen Krebskliniken mit verschiedenen Verfahren und mit unterschiedlich langer Dauer gekühlt. Die wenigen wirklich aussagefähigen Untersuchungen belegen aber einen Trend: Kühlkappen sind anscheinend in manchen Fällen nützlich, um den Haarausfall zu verhindern. Ob Betroffene für das Experiment mit der Kühlkappe allerdings noch mehr Unwohlsein und höhere Risiken für Metastasenbildungen in Kauf nehmen möchten, müssen die Betroffenen selbst entscheiden. Der vorübergehend getragene Haarersatz auf Rezept ist bei einem Haarverlust doch deutlich praktischer. Der Nutzen der Kühlkappen ist nicht bei allen Krebsarten gleich hoch. Bei einem Lymphom oder bei Leukämie sind Kühlhauben ohnehin wirkungslos.

Schützen spezielle Shampoos oder Haarkuren gegen Haarverlust?

Oft wird behauptet, bestimmte Haarshampoos oder Kurspülungen seien geeignet, um den drohenden Haarverlust aufzuhalten. Das mag sein oder auch nicht. Belege für solche Effekte gibt es bisher nicht – und das bedeutet in der Regel, dass die Betroffenen keine Kassenleistungen erwarten können. Zwar erprobt die Wissenschaft medikamentöse Methoden, den Haarausfall nach einer Chemo zu verhindern. Doch bisher gibt es kein Mittel, das hier überzeugen kann. Die Tierversuche, die bisher unternommen wurden, sind mangels Übertragbarkeit auf den Menschen nicht aussagefähig.

Wie sieht es mit dem Haarerhalt bei Strahlentherapien aus?

Auch Strahlentherapien am Kopf schädigen die Haarwurzeln. Die Strahlendosis entscheidet darüber, wie schnell und wie umfangreich der Haarausfall ist. Die Strahlentherapie wird exakt dosiert. Sie kann punktgenau eingesetzt werden. Daher fallen oft nur dort die Haare aus, wo Strahlen auf die Kopfhaut getroffen sind. Die Haare wachsen wieder nach. Es dauert aber länger als bei Behandlungen mit Zytostatika. Strahlenbehandlungen an anderen Körperregionen führen nicht zu Haarausfall. Bei Brustkrebs können durch Strahlen lediglich die Achselhaare ausfallen. Bei einem Hirntumor, der bestrahlt werden muss, sind höhere Strahlendosen üblich. Diese können das Haar dauerhaft schädigen. Es regeneriert sich nach der Therapie meist nicht wie gewohnt. Daher ist auch hier eine Perücke auf Rezept angezeigt.

Die modernen Krebstherapien attackieren den Krebsherd wesentlich zielgerichteter. Doch auch solche „target therapies“ werden häufig mit chemischen Therapieansätzen kombiniert. Die Nebenwirkungen aggressiver Krebsbehandlungen sind also nicht abgeschafft geworden. Sie verändern sich zwar. Krebsmedikamente schädigen aber weiterhin die Haarwurzelzellen und gesunden Hautzellen. Wie sich die Therapie mit EGFR-Hemmern, Tyrosinkinase- und Multikinasehemmern zukünftig gestaltet, muss man abwarten. Bislang sind die Ergebnisse zwar besser, aber noch weit davon entfernt, überzeugen zu können.

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