Der Weg zum Doktor der Medizin (3): Einarbeitung ins Thema

Angelina Bockelbrink gibt ihr Wissen und ihre Erfahrung im Bereich der medizinischen Wissenschaft an junge Mediziner weiter.Angelina Bockelbrink ist promovierte Medizinerin, Epidemiologin, Dozentin und Autorin. Sie hat viele Jahre in der universitären Wissenschaft gearbeitet, gelehrt und Doktoranden betreut. Als ganzheitlicher Wissenschaftscoach unterstützt und begleitet sie MedizinerInnen beim Einstieg ins wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben.


Nun ist die Entscheidung also gefallen. Du bist als Doktorand in einer Arbeitsgruppe angenommen und deinem Ziel zum Dr. med. steht nichts mehr im Wege. Gerade wenn du bereits während des Studiums mit der Doktorarbeit beginnst, bist du vermutlich noch kein ausgewiesener Experte auf dem Forschungsgebiet, auf dem du nun eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit erstellen wirst. Bevor du dich also an deine eigentliche Arbeit machen kannst, steht dir noch eine Menge Vorbereitung bevor.

Literaturrecherche und inhaltliche Einarbeitung

Die Literaturrecherche steht am Anfang jeder Doktorarbeit.Damit es mit der Eigenständigkeit deiner Arbeit wirklich funktioniert, wirst du tatsächlich erst einmal zum Experten auf dem Gebiet werden müssen. Für den Anfang können auch Lehrbücher oder eBooks hierfür ganz gut geeignet sein. Im nächsten Schritt geht es dann aber vor allem darum, sich mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft vertraut zu machen und die neuesten Entwicklungen zu kennen. Hierfür benötigst du unbedingt aktuelle Zeitschriftenartikel und in manchen Bereichen womöglich sogar Kongressbeiträge. Frag ruhig deinen Doktorvater /  deine Doktormutter oder deinen Betreuer danach, wenn sie dir nicht von selbst bereits Literatur in die Hand drücken. Die Literatur, die du bekommst, wird sicher nicht ausreichend sein für deine Arbeit, aber es ist allemal eine große Erleichterung für den richtigen Einstieg ins Thema und außerdem eine gute und fundierte Grundlage, um darauf aufzubauen und weiter zu recherchieren.

Wenn du nicht gerade eine systematische Literaturübersicht erstellen sollst oder willst, wird dir PubMed für deine Literatursuchen völlig ausreichen, vorausgesetzt, dass du nur medizinische Literatur benötigst. Pubmed ist eine englischsprachige Meta-Datenbank mit Referenzen von Artikeln mehrerer Tausend medizinischer Fachzeitschriften auf Grundlage der amerikanischen „National Library of Medicine“. Die Mehrheit der Artikel ist auf Englisch, aber auch viele deutschsprachige Zeitschriften sind indiziert. Ergänzend findet man in PubMed ebenfalls Links auf freie Volltexte der Artikel. Auf alle anderen Artikel muss man über die Zeitschriften zugreifen, sei es digital oder in der Papierversion. Die meisten Unis bieten Vollzugriff auf eine große Auswahl an medizinischen Fachzeitschriften, sodass auch hier weder Probleme noch Kosten für einen Doktoranden entstehen. Wenn dir Pubmed nicht ausreichen sollte, gibt es auch noch EMBASE und Google Scholar für weitere medizinische und naturwissenschaftliche Literatur oder Psyndex für psychologische Literatur aus dem deutschsprachigen Raum.

Die Fragestellung

Die Fragestellung entscheidet über das weitere Vorgehen bei der Datenakquise für eine Dissertation.Spätestens nach der fachlich-inhaltlichen Einarbeitung ist es an der Zeit die Fragestellung zu konkretisieren. Natürlich kann man gerade in großen Arbeitsgruppen viel lernen und auch viel Arbeit erledigen ohne eine eigene Fragestellung zu haben. Aber nur mit der eigenen Fragestellung wird all diese Arbeit wirklich zielgerichtet. Eine konkrete Fragestellung ermöglicht dir gezielte Literatur zu suchen und dich fundiert inhaltlich einzuarbeiten. Sie ermöglichst dir auch dich gegebenenfalls gegen manche Aufgaben abzugrenzen, denn du bist Doktorand und keine billige Hilfskraft. Natürlich ist das völlig in Ordnung und zumutbar sich im Team gegenseitig zu unterstützen und auch mal Arbeiten zu erledigen, die einen selbst nicht direkt dem Ziel näherbringen. Aber vor allem solltest du den Fokus auf deine eigenen Aufgaben legen, was natürlich sehr schwierig wird, wenn du nicht genau weißt, welche Aufgaben für dich und deine Arbeit überhaupt relevant sind.

Die Fragestellung wirst du nicht ganz allein festlegen können, das wird sicher in Absprache mit Doktorvater, -mutter, Betreuer und eventuell den anderen DoktorandInnen geschehen müssen. Mach dir dennoch auch selbst Gedanken, wie dein Thema lauten könnte oder sollte. Wo siehst du offenen Fragen? Was interessiert dich besonders? Du schaffst dir so die besten Voraussetzungen wirklich die Fragestellung zu bearbeiten, die dich am meisten interessiert. Du zeigst außerdem Initiative und deine zunehmende Expertise. Lass dich nicht abspeisen mit Aussagen wie, dass es noch nicht wichtig sei, das Thema festzulegen, dass sich die Themen schon noch ergeben werden oder Ähnliches. Selbst wenn die genaue Fragestellung im Verlauf noch einmal angepasst und verändert werden muss, ist es allemal besser von vornherein die Richtung zu kennen und dann auch eine fundierte Meinung zu der Veränderung entwickeln zu können. Wenn du anfangs nicht genau weißt, wo es lang gehen soll, kannst du im Verlauf auch nicht gut erkennen, ob du auf dem richtigen Weg bist.

Methodenkenntnisse erwerben

Mit ausreichendem Hintergrundwissen und dem klaren Ziel im Blick, kann es eigentlich losgehen mit der tatsächlichen Arbeit. Zumindest dann, wenn du ausreichende Methodenkenntnisse hast. Welche Methoden du kennen und können solltest, hängt sehr stark ab von der Art der Arbeit. Ganz egal, was es für eine Arbeit ist, es gibt immer einige spezifische Methoden, die du unbedingt erlernen musst. Bei Arbeiten der Grundlagenforschung, die im Labor durchzuführen sind, gibt es meist eine ganz strukturierte und von vornherein eingeplante Einarbeitungsphase, in der man die einzelnen Experimente und Versuchsreihen kennen und selbst durchzuführen lernt. Oft gehören sogar bestimmte Fachkundenachweise für einzelne Geräte dazu. Sieh diese Einarbeitungszeit als Chance und lass dir auch Dinge nochmal zeigen, von denen du schon eine ungefähre Ahnung hast. Mit einem guten und fundierten Verständnis der zugrundeliegenden Methoden werden dir alle Versuche viel leichter von der Hand gehen.

Auch das Arbeiten im Labor bedarf einiger Einarbeitung und Einweisungen an verschiedenen Geräten.Aber auch bei klinischen Studien und allen anderen Studien mit Beteiligung von Patienten oder auch gesunden Probanden gibt es standardisierte Untersuchungabläufe und zu erlernende Methoden. Oft gibt es die eine oder andere Study Nurse, die dir alles Wichtige beibringen kann. Viele Abläufe sind auch in SOPs beschrieben, so dass du sie nachlesen kannst. Nimm dir auf alle Fälle ausreichend Zeit, um dich einzuarbeiten und trau dich zu fragen. Gerade wenn du auf verschiedene Ärzte angewiesen bist, mag es manchmal recht mühsam sein, alle erforderlichen Informationen zusammenzutragen. Behalte dabei immer im Kopf, dass es für den Erfolg deiner eigenen Arbeit wichtig ist und gib dich nicht zufrieden bis du dich wirklich auskennst. Selbst das korrekte Führen von Interviews will gelernt sein. Setze dich dafür mit den Handbüchern der verwendeten Fragebögen auseinander und mache es genau wie es dort beschrieben wird, auch wenn es dir anfangs komisch vorkommt. Es hilft, wenn man einige Probeinterviews mit Familienmitgliedern und Freunden macht, dann hat man bei den ersten echten Befragungen schon ausreichend Routine.

Struktur von Anfang an

Zu Beginn einer Doktorarbeit ist vieles neu und verwirrend. Auch kann man sicher noch nicht abschätzen, welche Quellen man schlussendlich benötigen wird oder wie die Methoden der eigenen Arbeit dann tatsächlich durchzuführen sein werden. Dennoch lohnt es sich auf jeden Fall die eigenen Erkenntnisse von Anfang an zu dokumentieren und die gefundene Literatur zu erfassen. Äußere Struktur wirkt sehr förderlich auch auf die innere Struktur. Also allein das dokumentieren hilft schon beim Verstehen. Außerdem erleichtert dir eine sinnvolle Dokumentation auch später noch nachzuvollziehen, was du wann getan hast und wie du zu bestimmten Erkenntnissen gelangt bist.

Wenn du dir angewöhnst zu dokumentieren und zu schreiben, bevor es eine tatsächliche Doktorarbeit zu schreiben gibt, sparst du dir Zeit und Arbeit.

Bilder: pixabay.com

2 Replies to “Der Weg zum Doktor der Medizin (3): Einarbeitung ins Thema”

  1. Wirklich ein guter Ratgeber! Ich kenne soo viele Kommilitonen, die einfach Pech hatten mit den Betreuern ihrer Promotion, weshalb sie diese dann irgendwann abgebrochen haben…

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